Mein liebster Freund,

Deine Briefe scheinen mich hier unten nicht erreichen zu können.

Ich denke oft an Deine Worte, dass sich bald alles auflösen wird und dass Du an mich glaubst.

Noch heute kann ich nicht verstehen, wie es zu all dem kam.

Aber mach’ Dir keine Sorgen um mich.

Es ist nur, ich befürchte, dass mich die Außenwelt bald vergessen haben wird, wo ich doch hier unten in der blinden Dunkelheit festgehalten werde.

Das Bewusstsein, dass oberhalb von mir und außerhalb dieser Gemäuer das Leben einfach weiter geht ohne mich, gibt mir das Gefühl mich selber sterben zu sehen. Und jetzt sag’ mir lieber Freund, kann das ein Mensch ertragen?

Heute ist wahrscheinlich Samstag. Die Wärter haben sich nämlich ihre Bäuche mit allerlei Essenssachen vom Wochenmarkt voll geschlagen. Zu ihrer Unterhaltung befahlen sie mir mit ein paar Äpfeln zu jonglieren.

Und ich jonglierte

mit Deinen Worten im Ohr mein lieber Freund

jonglierte ich mit gefesselten Händen.

Plötzlich stand eine Arme bewaffneter Helden vor mir

Ich erkannte sie sofort – doch die Armee brauchte eine Weile

Ich konnte zusehen wie ich langsam in Ihren Augen, die mich bisher nur silhuettenartig wahrgenommen haben, Form annahm

Ihre  Münder schrien stumm vor Entsetzen

Ihre Augen durchbohrten mein Inneres

auf die Frage hin:

Sollte ich es wirklich sein?

Ich war der Verräter?!

Eine Flucht vortäuschen – Unsere Gedanken spiegelten sich

Nein, den  Gefallen konnte ich ihnen nicht tun – Mein Rücken stand mit mir an der Wand und hielt mich fest

Sekunden vergingen – zu viel Zeit für die Armee

Sie traten einen Schritt zurück – wieder zurück zu sich selbst

Nahmen ihre edle Haltung an – Jeder ein Meister auf seinem Gebiet

Ich ging ihnen entgegen

und ließ mich zurück

während mein Nächster mit sanfter Hand und flüsterndem Mund

seinen Speer durch meinen Brustkorb stieß

- “Eigentlich wollte ich viel lieber ein Weihnachtsmann werden!” sagte der Osterhase

- “Weihnachtsmann oder Osterhase – wo ist da der Unterschied?”

- “Weil Weihnachtsmänner werden viel mehr geliebt”

- “Schmecken tut’s jedenfalls gleich” sagte ich und biss ins leckere Schoko-Ohr

D: “Und was ist mit dem dritten Flügel?”

A: “Hmm, ein Engel der nach dem dritten Flügel greift – Das ist ein Bild. Was bedeutet dieses Bild denn für dich?”

D: “Für mich bedeutet das, dass einem anderen dieser Flügel fehlt.”

I look up.
I look down.
I look up.
I look down.
I look up.
I look down.

(Vertigo 1958, Alfred Hitchcock)


Sie läuft um ihr Leben

die Gazelle

die Gejagte

gepeinigt von der Angst

Entschlossen ja wissend

hinter ihr, ihr Jäger

der Gepard


Allein die Angst entscheidet hier

die Verteilung der Rollen – maßgebend


Zeitlupe

eine kleine, eine deutliche Berührung von hinten kündigt den bevorstehenden Tod an

auf Verletzungen verzichtet er

schließlich will er ihr nicht wehtun

dazu gibt es keinen Anlass


Sanft legt er sich über sie und schließt sie in seine Arme

sein warmer Körper das weiche Fell

zwei pochende Herzen übereinander


Nein. Nicht übereilt – ganz gezielt und ohne Heuchelei

nimmt er sich ihr Leben.

und wenn ich dich an die Hand nehme

zu dir runterschaue und dich anlächle,

dann weißt du dass es wir sind

und wenn wir gemeinsam lachen und sich unsere Gedanken treffen

in unserem alten zu Hause von dem wir noch einen Schlüssel haben

dann weißt du dass es wir sind

und wenn wir durch die Tür gehen jeder zurück an seinen gewohnten und oft vermissten Ort

wir so tun als ob es noch so wäre

nichts geschehen wäre

dann weißt du dass es wir sind

und wenn wir dann unser altes Spiel spielen und du vor Lachen keine Luft mehr bekommst

dann brauchst du nicht zu fragen

erinnere dich und du wirst sehen und wissen

und nicht länger zweifeln

dass wir immer sein wird

Ich hab’ auf Dich gewartet.

Mein Kind.

Wie kann ich dich in den Arm nehmen. Dich halten. Dich stützen. Mich stützen.

Mein Leben.

Losgelöst von meinem Körper. Über die Grenze hinaus. Nur so kann ich für immer bei dir sein.

Ich wünsche mir ich könnte dir sagen, “Hab keine Angst”.

Es schmerzt dich. Der Krampf. Im Bauch. Im Hals.

Als ob es das Ende wäre. Als ob es ein Ende gäbe.

Als wäre mein Körper ein Zeichen. Eine zu erfüllende Bedingung.

Als wenn es so wäre.

Die Ewigkeit – ein großes Wort.

Als wenn es so wäre.

Als gäbe es einen Raum.

Eine Ordnung. Eine Logik.

Meine Liebe zu dir mein Kind.

Ein Beweis. Größer als Alles.

Die Sprache verzweifelt daran.

Es ist ihre Angst.

Endlich. Jetzt. Jetzt halt ich dich ganz fest.

Mit dir atmen. Mit dir sein.

Ich bin da.

Heute Nacht, wie jede Nacht werd’ ich mich wieder auf die Suche machen.

Auf die Suche nach dir.

Will dich sehen, dich sprechen.

Wir haben uns nicht verabschiedet. Die Vereinbarung war klar. Eindeutig. Zweifelsfrei, wie nichts anderes.

Wir alle gingen davon aus.

Wir dachten unsere Festung sei hoch genug und unzerstörbar. Gäste waren nicht erwünscht. Vorboten erhielten keinen Einlass.

Zu sehr hab’ ich mich darauf verlassen.

In der Nacht. Der Anruf.

Ein Riss. Quer durch. Durch uns alle. Niemand blieb verschont.

Zeichen des Widerstands. Des Kampfes.

Nein. Wunden heilen nicht.

Der Riss zieht sich weiter. Und ich mache ihn mir zu eigen.

Heute Nacht, wie jede Nacht.

Bitte. Komm zurück.

“Ja, eine Person.”

Oder seh’ ich aus wie zwei, denkt sich Lea. Dieses Thema wird noch früh genug angesprochen werden. Schätzungsweise 1-2 Minuten nach ihrer Ankunft. Zuerst kommen die üblichen Fragen: “Wie geht’s dir?” “Wie war die Reise?” und dann “Bist du wieder alleine gekommen?”. Und Lea wird antworten “Ja” und sich denken: wie man sieht.

Doch zunächst zur Reise. Es ist die Reise ihres Lebens. Nicht etwa weil die Reise außergewöhnlich schön ist, sondern einfach, weil sie diese Reise bereits ihr Leben lang macht. Seit sie denken kann macht sie diese Reise. Jedes Jahr. Immer wieder aufs Neue.

Sie war damals 2 Jahre alt, als sie ihre Tante nach England mitnahm. Ihre Eltern hatten es so entschieden, die Zeiten waren schlecht und seit Jahren gab es keine gute Ernte mehr. Es gab kein Geld, keine Rücklagen und von den Verwandten war auch keiner mehr da. Alle im Ausland. Alle weg. Leas Eltern sind geblieben. Die Mutter ist krank und kann nicht verreisen. Lea sollte nur für kurze Zeit bei der Tante in England bleiben. Nur bis der Vater genug verdient hat um sich um beide kümmern zu können, um Lea und seine Frau.

Es kam anders. Und damit auch die Reise…

to be continued…

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